Internationaler Tag der Kinderrechte

Heute, am 20. November, ist internationaler Tag der Kinderrechte. 1989 wurde die UN-Kinderrechtskonvention verabschiedet, die jedem Kind unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Religion oder sozialem Status das Recht zusichert, gesund und sicher aufzuwachsen. Auf der ganzen Welt setzen sich Menschen heute für die Rechte von Kindern und für eine bessere Zukunft ein.

Korczak

Bedenkt man die Bedeutsamkeit dieses Themas sind die 30 Jahre der bestehenden UN-Konvention jedoch nur eine kurze Zeitspanne. Glücklicherweise gab es auch vor dieser Zeit erinnerungswürdige Personen, die sich mit Leib und Seele für das Wohlergehen unserer kleinen Mitmenschen eingesetzt haben. Eine davon war der polnische Henryk Goldszmit – besser bekannt unter dem Pseudonym Janusz Korczak (1878/79–1942). Wir möchten an einen Mann erinnern, der alles gab, um sich für das Wohl und die Rechte von Kindern einzusetzen – auch sein eigenes Leben.

Henryk Goldszmit wurde als Kind einer jüdisch-polnischen Familie 1878/79 in Warschau geboren. Er war nicht nur Militär- und Kinderarzt, sondern auch Kinderbuchautor und Pädagoge. Eine ungewöhnliche Kombination. Heutzutage ist er besser bekannt unter seinem Schriftsteller-Pseudonym Janusz Korczak. Sein unermüdlicher Einsatz für Kinder machte ihn zu einer der herausragendsten Persönlichkeiten in der Geschichte der Kinderrechte. Bereits zu Lebzeiten erbrachte Korczak wertvolle und unschätzbare pädagogische Leistungen in verschiedensten Fachbereichen – sei es als Dozent am Institut für Sonderpädagogik, als Sachverständiger für Erziehungsfragen beim Bezirksgericht, als Redakteur einer Kinderzeitung oder als Mitarbeiter des polnischen Rundfunks (hier bekannt unter dem Pseudonym „Alter Doktor“), wo er sich live mit Kindern unterhielt und über Kinder sprach.

Neben seiner medizinischen Karriere war Korczak mit Vorliebe schriftstellerisch tätig. 1901 veröffentlichte er die Erzählung Kinder der Straße, welche das Schicksal von Straßenkindern thematisiert. Im Laufe seines Leben verfasste er sowohl Kinderbücher (z.B. König Hänschen der Erste) als auch pädagogisch wertvolle Arbeiten zum Thema Kindererziehung und Kinderrechte. Zu nennen wären exemplarisch Das Recht des Kindes oder Wie man ein Kind lieben soll. Letzteres zählt zu seinen wichtigsten pädagogischen Werken. In diesem Buch geht Korczak auf vier Themenbereiche ein: das Kind und dessen Erziehung von der Geburt bis zur Pubertät, seine eigenen Erfahrungen in der Erziehungsarbeit, seine pädagogischen Erfahrungen aus den Sommerkolonien für Kinder in sozialen Notlagen und auf die Umsetzung pädagogischer Ideen im Waisenhaus.

"Es geht mir darum, daß man begreift: kein Buch und kein Arzt können das eigene wache Denken, die eigene sorgfältige Betrachtung ersetzen." (Deutsch von Armin Droß. In Elisabeth Heimpel & Hans Roos (Hrsg.): Das Recht des Kindes auf Achtung. S. 2. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1971)

Einen Teil der Einnahmen aus seinen literarischen Werken spendete Korczak sozial benachteiligten Kindern. 1912 wurde sogar ein Waisenhaus nach den Plänen des Pädagogen erbaut. Das Waisenhaus mit Namen Dom Sierot wurde zum Mittelpunkt seines Lebens, als ihm die Leitung angeboten wurde und er seinen Arztberuf dafür aufgab. In dieser Institution konnte er seine pädagogischen Ansätze zu Kinderrechten und -erziehung umsetzen. Hierzu zählt beispielsweise das Kinderrepublik-Modell, welches verschiedene – teilweise sogar gegensätzliche – Ansätze von gemeinschaftlichem Leben von Kindern und Erwachsenen beschreibt. Nach dem ersten Weltkrieg übernahm Korczak zusammen mit der Pädagogin Maryna Falska sogar die Leitung eines zweiten Waisenhauses.

Sein Leben fand im August 1942 ein tragisches Ende, als die ca. 200 Kinder seines Waisenhauses von der SS zur Deportation in das Vernichtungslager Treblinka abgeholt wurden. Der Komponist Władysław Szpilman beschreibt als Augenzeuge den Abtransport:

„Eines Tages, um den 5. August […] wurde ich zufällig Zeuge des Abmarsches von Janusz Korczak und seinen Waisen aus dem Ghetto. […] er selbst hatte die Möglichkeit, sich zu retten, und nur mit Mühe brachte er die Deutschen dazu, daß sie ihm erlaubten, die Kinder zu begleiten. [Gleiches gilt für seine jahrelange und getreue Mitarbeiterin Stefania Wilczyńska]. Lange Jahre seines Lebens hatte […] [Korczak] mit Kindern verbracht und auch jetzt, auf dem letzten Weg, wollte er sie nicht allein lassen. Er wollte es ihnen leichter machen. Sie würden aufs Land fahren, ein Grund zur Freude, erklärte er den Waisenkindern. Endlich könnten sie die abscheulichen, stickigen Mauern gegen Wiesen eintauschen, auf denen Blumen wüchsen, gegen Bäche, in denen man würde baden können, gegen Wälder, wo es so viele Beeren und Pilze gäbe. Er ordnete an, sich festtäglich zu kleiden und so hübsch herausgeputzt, in fröhlicher Stimmung, traten sie paarweise auf dem Hof an. Die kleine Kolonne führte ein SS-Mann an, der als Deutscher Kinder liebte, selbst solche, die er in Kürze ins Jenseits befördern würde. Besonders gefiel ihm ein zwölfjähriger Junge, ein Geiger, der sein Instrument unter dem Arm trug. Er befahl ihm, an die Spitze des Kinderzuges vorzutreten und zu spielen – und so setzen sie sich in Bewegung. Als ich ihnen an der Gęsia-Straße begegnete, sangen die Kinder, strahlend, im Chor, der kleine Musikant spielte ihnen auf und Korczak trug zwei der Kleinsten, die ebenfalls lächelten, auf dem Arm und erzählte ihnen etwas Lustiges.“ (Władysław Szpilman: Der Pianist. Mein wunderbares Überleben. Ullstein: München 2002, S. 93–94).

Wir möchten heute, zum Tag der Kinderrechte, an diesen ehrwürdigen Mann erinnern, der sich für die Rechte von Kindern wie kaum ein Zweiter eingesetzt hat. Korczaks Erziehungsgedanken waren geprägt von einer „Pädagogik der Achtung“ (angelehnt an seine Schrift „Das Recht des Kindes auf Achtung“ von 1928). Seine Pädagogik umfasst die Selbsttätigkeit und Selbstständigkeit des Kindes. Als ErzieherIn kommt einem damit die Aufgabe zu, den Kindern im Rahmen der pädagogischen Institution Erfahrungsräume bereitzustellen, in denen das Kind selbstbestimmt handeln kann. Kinder benötigen dabei behutsame pädagogische Begleitung, die „weder durch ein Zuviel an Nähe, noch durch ein Zuwenig an Distanz manipuliert werden“ (Kirchner 2013, S. 219).

(vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Janusz_Korczak)